Sounddesign aus dem Labor
Zu den Pionieren der Klangdesigner gehört Christian Ryssel. Der 62-jährige Diplom-Psychologe sitzt im Aufsichtsrat des Marktforschungsinstituts Psyma aus Rückersdorf bei Nürnberg und war einer der ersten der Branche, die sich mit dem Thema Psychoakustik beschäftigt haben. Sie gehen der Frage nach, wie Klänge auf unser Empfinden wirken. „Viele Produkte unterscheiden sich heute kaum noch in Qualität, Funktion und Aussehen. Da kann das Geräusch dann ausschlaggebend für den Kauf sein“, sagt Ryssel.
Zum Beispiel Haarspray. „Ssssch“ macht die Düse, bei anderen Herstellern aber auch „Psss“. Nur ein kleiner Unterschied? Keineswegs. „Sssch ist weich und melodisch, Psss hingegen eine ganze Ecke härter“, erklärt der Marktforscher. Rund 1 000 Probanden spielte er immer wieder sieben verschiedene Sprüh-Geräusche vor und forderte sie auf, Eigenschaften von „sinnlich-erotisch“ bis „schrill-funky“ zuzuordnen. „Am Ende wussten wir, dass Haarspray für sanftes Haar weich klingen muss, Dosen für jugendliche Frisuren sich hingegen ruhig aggressiv anhören dürfen.“
Für seine Versuche arbeitet Ryssel mit dem Labor von Friedrich Blutner im sächsischen Erzgebirge zusammen. „Es gibt bei unserer Forschung zwei große Parameter, die wir verstellen können: die Frequenz und die Zeitstruktur des Klangs“, erläutert Blutner. Niedrige Frequenzen klingen geschlossen, wie im Wort „Uhu“. Mittlere gelten als offen, hohe als hell. „Zurzeit sind offene Geräusche erwünscht, die gelten als kontaktfreudig, lebendig und farbig.“
Blutner meint: „Es kommt darauf an, die Frequenzen des Klangs über die Zeitstruktur der Töne richtig zu mischen. Das gibt dem Geräusch die charakteristische Note.“ Denn ein Ton erklingt nicht präzise zu einem Zeitpunkt, sondern erstreckt sich über eine nicht bewusst hörbare Zeitstrecke von etwa 50 Mikrosekunden.
Die graue Theorie belegt Ryssel mit einem weiteren Beispiel: Wiener Würstchen. „Versuche haben gezeigt, dass das Geräusch das Geschmackserlebnis maßgeblich beeinflusst“, sagt er. Der Verkaufserfolg hängt mit davon ab, in welchen Darm der Hersteller die Wurst verpackt. „Am besten abgeschnitten hat der mongolische Schafsdarm.“ Der sei recht hart, entsprechend laut knackt es beim Abbeißen. Frische und Kernigkeit suggeriert das, ganz gleich, was in der Wurst tatsächlich drin ist.
Trotz solcher Erkenntnisse steht die Psychoakustik in der Marktforschung erst am Anfang, auch wenn Autobauer schon seit Jahrzehnten viel Geld dafür ausgeben, dass Wagentüren mit einem satten Ton ins Schloss fallen. „Seit zehn Jahren interessieren sich auch die Hersteller von Haushaltsgeräten für das Thema Klang“, weiß Blutner.
Es scheint nur noch eine Frage der Zeit, bis die Psychoakustik eine ähnlich große Rolle bei der Produktentwicklung spielt wie das Design. „Meine Vision ist, dass wir eines Tages bei Produkten nicht nur zwischen Design und Funktion, sondern auch dem Geräusch wählen können“, sagt Ryssel.
Momentan wäre er schon zufrieden, wenn der Hersteller seiner Kaffeemaschine endlich einen Sounddesigner engagieren würde. „Die zischt mir zu aggressiv, und das am frühen Morgen — fürchterlich.“
- Aus dem Artikel Knacktest im Labor, erschienen im "Magazin am Wochenende" der Nürnberger Nachrichten, 25./26. März 2006
