Medikamentenrücknahme im Bild der Öffentlichkeit am Beispiel Vioxx
erschienen in Research & Results, Ausgabe Feb. 2005
Die Medien hatten ihren Skandal: Nach der Rücknahme des Cholesterin-Senkers Lipobay von Bayer im Jahr 2001 erwischte es im Oktober 2004 den nächsten Medikamenten-Blockbuster. Merck mußte sein Rheuma-Schmerzmittel Vioxx vom Markt nehmen, mit dem die Firma im Jahr 2003 weltweit 2,5 Milliarden Dollar umgesetzt hatte. Merck reagierte damit auf Ergebnisse einer eigenen Langzeitstudie, die zeigt, dass eine längere Einnahme von Vioxx zu einem erhöhten Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen führt.
Vioxx ist ein Vertreter der modernsten, 1999 auf den deutschen Markt gekommenen Präparategruppe (Cox-2-Hemmer) gegen rheumatische Arthritis. Derartige Vorfälle im Pharmabereich verunsichern die Öffentlichkeit und lassen Vorwürfe laut werden, dass neue Medikamente zu schnell zugelassen und auf den Markt gebracht würden. Wie Ärzte die Vioxx-Rücknahme erlebt und ihre Therapien umgestellt haben und welches momentane Meinungsklima vorherrscht, wurde in einer Studie von Psyma International Medical Marketing Research untersucht.
Die Präsenz dieses Themas in den Medien wird bei der Frage deutlich, aus welcher Quelle die Ärzte als erstes von der Vioxx-Rücknahme erfahren haben. Fernsehen, Radio und Zeitung belegen die ersten Plätze. Nur jeder vierte Arzt wurde zuerst durch ein direktes Anschreiben von Merck informiert. Immerhin jeder Zehnte erfuhr erst durch seine Patienten von der Rücknahme.
Die Reaktion der Ärzte auf die Rücknahme des Präparates selbst fällt insgesamt weit weniger negativ aus als bei der Rücknahme des Cholesterin-Senkers Lipobay. Dies kann zum einen der raschen Reaktion des Managements zugeschrieben werden, vor allem aber auch an der modernen und mittlerweile unverzichtbaren Präparategruppe der Cox-2-Hemmer liegen, mit der viele Ärzte auch für sich selbst gute Erfahrungen gemacht haben. Nahezu alle befragten Ärzte (Allgemeinärzte und Internisten) hatten Patienten auf Vioxx eingestellt, im Durchschnitt immerhin 24 Patienten. Wie hoch die Ärzte diese Präparategruppe inzwischen schätzen, spiegelt sich nicht zuletzt darin wider, dass 2/3 der Ärzte die Rücknahme von Vioxx bedauern. Ähnlich wird auch die Frage beantwortet, auf welche Therapie die Ärzte jetzt umstellen: 2/3 der Ärzte verschreibt grundsätzlich weiterhin Coxibe, auch wenn gewisse vergleichbare Bedenken bestehen. Aber auch auf altbewährte Präparate wie Diclofenac wird verstärkt zurückgegriffen. Hier spaltet sich das Lager der Ärzte also in die eine Gruppe, die eine Renaissance der alten Medikamente bejahen und die andere, die innovativen Medikamenten nach wie vor aufgeschlossen gegenüber steht. Die individuelle Verteilung auf die Patienten erfolgt zu je 1/3 auf andere Cox-2-Hemmer, Diclofenac und andere Schmerzmittel. Immerhin 15% der Ärzte lehnen die These ausdrücklich ab, dass Innovationen vorsichtiger verordnet werden müssen. Knapp 1/4 hält auch die Rücknahme von Vioxx zum gegenwärtigen Zeitpunkt für voreilig. Bis zur Rücknahme gab es weltweit 80 Millionen Vioxx-Patienten in 80 Ländern, so dass sich manchem zufriedenen Arzt oder Patienten die Frage stellt, ob Vioxx nicht doch nur für eine bestimmte Risikogruppe hätte ausgeschlossen werden können.
Etwas anders fällt die Reaktion der Ärzte zu ihrer grundsätzlichen Einstellung gegenüber medizinischen Innovationen aus. Auch wenn die Ärzte an den Coxiben festhalten möchten, gibt das Beispiel Vioxx doch Anlaß, den Stellenwert von Zulassungsstudien und Präparate-Innovationen kritisch zu überdenken. So schließt sich die weit überwiegende Mehrheit der Forderung an, präparatebezogene Studien künftig nicht mehr vorbehaltlos zu akzeptieren und Innovationen vorsichtiger zu verordnen. Auch führende Medizinwissenschaftler diskutieren derzeit im renommierten medizinischen Fachjournal „The Lancet“ die Problematik der rigorosen statistischen Betrachtung und der isolierten medizinischen Erprobung unter Laborbedingungen, fern vom praxisrelevanten Alltag.
Auf Patientenseite fällt die Verärgerung weniger deutlich aus als vielleicht erwartet. Zwar berichten 2/3 der Ärzte, in nennenswertem Umfang von ihren Vioxx-Patienten auf die Rücknahme angesprochen worden zu sein, jedoch kaum von ihren anderen Patienten. Die dominierende Reaktion von Vioxx-Patienten sei Verunsicherung, von nicht-Vioxx-Patienten Interesse und Neugierde. Verärgerung und Anklage dagegen spielen eine geringe Rolle. Das Vertrauen in die Pharmabranche allgemein ist nicht grundsätzlich erschüttert. Der Aussage, dass Merck Vertrauen verspielt habe, widersprechen mehr Ärzte als ihr zustimmen.
Das Verhalten des Außendienstes von Merck wird als angemessen angesehen: Die These, daß der Außendienst Vertrauen verspielt habe, findet weit mehr Ablehnung als Zustimmung. Gute Voraussetzungen also für die Akzeptanz des Nachfolgepräparats Arcoxia (ebenfalls ein Cox-2-Hemmer), das auf dem Markt ist und auf welches bereits ein gutes Drittel der Ärzte umgestellt hat. Dabei wird man die Patienten allerdings genau beobachten, da auch für das Nachfolgepräparat ähnliche Risiken wie bei Vioxx nicht ausgeschlossen werden. Diese Erfahrungen macht aktuell Pfizer: Es gibt erste Anzeichen, dass auch beim Konkurrenzpräparat und Cox-2-Hemmer Celebrex mit Nebenwirkungen zu rechnen ist. Pfizer hat angekündigt, nicht mehr für Celebrex zu werben, das Präparat aber weiter zu verkaufen. In den USA jedenfalls hat sich die Neuverschreibungsquote im Januar gegenüber dem Vormonat halbiert.
Alles wie gehabt also? Nicht ganz. Durch die konsequente Reaktion von Merck ist ein nachhaltiger Imageschaden bei diesem Unternehmen in den Augen von Ärzten und Patienten nicht in erwarteter Deutlichkeit festzustellen. Aber bei den Investoren scheinen Zweifel über die zukünftige Ertragskraft nach Rücknahme dieses Hoffnungsträgers und Angst über Schadensersatzforderungen an Betroffene zu herrschen. So brach der Aktienkurs unmittelbar nach der Rücknahme ein und befindet sich immer noch 1/3 unter dem Niveau vor dem Zeitpunkt der Rücknahme, fernab historischer Höchststände. Nebenwirkungen von Medikamenten bleibt ein Thema in den Medien, dem die Pharmahersteller proaktiver entgegnen müssen, um die Branche vor einem Image der Skrupellosigkeit zu bewahren und Vertrauen nicht weiter zu enttäuschen.
- Anmerkung: In Deutschland firmiert Merck unter dem Namen MSD Merck Sharp & Dohme GmbH. Der Einfachkeit halber ist im obigen Artikel nur von Merck die Rede.
- Hintergrundinformationen zur Studie: Diese Studie ist eine Eigenstudie der Psyma. Befragt wurden N=203 niedergelassene Praktiker (Allgemeinärzte) und Internisten, bundesweit gestreut, Zufallsstichprobe, repräsentative Altersverteilung, Online-Befragung, Dauer 10 Minuten.
Erschienen unter dem Titel "Ruhe oder Sturm - Medikamentenrücknahme in der Wahrnehmung von Ärzten" in Research & Results, Feb. 2005, S. 42-43.
